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Hilfe! Mein Kleinkind beißt | Alles nur eine Phase?

Erziehungsberaterin Vera Rosenauer im Expertinnen-Interview verrät ihre Tipps

„Ihre Tochter hat heut die Sarah* (* Name kreativ gewählt) gebissen….“ sagt die Kindergartenpädagogin, als ich unlängst mein Kind abhole. Schluck. Streß. WAAAAAAS? Mein Kind soll ein anderes Kind gebissen haben? Mir wird ganz schlecht. Sowas tut mein Kind doch nicht, oder?

Kennt ihr das Gefühl?

Diverse Gedanken durchfluten meinen Kopf. Von „was hab ich falsch gemacht“ bis zu „aber warum nur“ schießen alle möglichen Fragen herbei.

Ja WARUM. Ist das denn „normal“? Als ich weiter dem Gespräch folge erfahre ich, dass Sarah*  wohl  das zweisame Spiel störte und meine Tochter leider ein „Ich verstehe dass du mitspielen willst, aber ich bevorzuge es, mit meiner Freundin alleine zu spielen“ mit ihren knapp drei Jahren nicht rausbrachte. Sie vielleicht aber einfach nur Angst hatte, ihre Freundin für immer an ein drittes Mädel zu verlieren und ihr einfach die uns bekannten Kommunikationswege fehlen, schien ein Biss die letzte Rettung.

Wie reagiert man denn nun richtig bei sowas? Ist das denn kindliche Eifersucht? Wut? Frust? Ich hab mich mit Erziehungsberaterin Vera Rosenauer von dem Blog Abenteuer Erziehung mal darüber unterhalten.

Nicht immer ist Harmonie vorprogrammiert….

Liebe Vera, auf deinem Blog ABENTEUER ERZIEHUNG begleitest du Mütter (und Väter) auf ihrem erlebnisreichen und fordernden Weg. Du bloggst unter anderem über Erziehung und den kleinen und großen Herausforderungen im Alltag mit Baby und Kleinkind – und zwar ohne erhobenen Zeigefinger, sondern lebensnah und humorvoll.
Ich mag deine Einstellung sehr und finde es toll wie du deinen Lesern hilfst den Weg zu ihrer persönlichen Lösung zu finden. Möchtest du dich kurz vorstellen?

Liebe Anja, vielen Dank für die Einladung zum Interview. Ich freue mich sehr bei dir am Blog zu Gast zu sein.

Ich begleite Mamas von Babys und Kleinkindern in allen Fragen zur Erziehung. Nach meiner Ausbildung zur Erziehungsberaterin habe ich mich auf die ersten Lebensjahre spezialisiert, weil die für mich zu den wichtigsten gehören. Hier wird die Basis fürs Leben gebaut und wichtige Weichen für später werden gestellt.

Selber habe ich zwei Töchter (jetzt schon 12 und 15) – die beiden bezeichne ich immer als meine praktischen Lehrmeisterinnen, denn dank der zwei weiß ich, was aus den vielen Kubikmetern pädagogischer Literatur, durch die ich mich schon durchgeackert habe, tatsächlich brauchbar und alltagstauglich ist 😉 mir ist es wichtig, dass es kein 100%iges Richtig oder Falsch in Sachen Familienleben gibt, weil so manches für eine Familie passt und für andere eben nicht!

Unsere Kinder durchlaufen viele Phasen, während des Groß-werdens und das ist nicht immer ganz einfach, oder? Für Mama und Kind. Auf einmal hört man von der Kindergartenpädagogin, dass sein Kind ein anderes gebissen hat. Ist das normal? Eine Phase?

Das ist eine Phase, von der mir ganz viele Mamas berichten. Im zweiten, dritten Lebensjahr haben fast alle Kinder eine Phase, in der sie beginnen zu schlagen, beißen, zwicken, andere an den Haaren ziehen oder schubsen – wahlweise auch Kombinationen davon.

Für die Mama ist das erstmal sehr erschreckend. Auch weil man denkt: um Gottes willen, wo hat das Kind denn das jetzt her? Wir leben ihm das doch nicht vor, bei uns wird nicht gehaut oder sonst wie gewaltvoll miteinander umgegangen. Und die Gedanken galoppieren dann gleich davon, plötzlich taucht im Kopf das Bild vom eigenen Kind als pubertärer Schläger auf.

Kinder aber brauchen für das Hauen, etc. kein Vorbild (auch wenn sie es natürlich manchmal bei anderen Kindern sehen und dann ausprobieren!), ganz oft ist das Beißen oder Hauen einfach der Ausdruck eines Gefühls, das anders noch nicht ausgedrückt werden kann.

Im Großen und Ganzen ist es ein vollkommen altersadäquates Verhalten – stell dir mal zwei Dreijährige vor, die sagen: „Oh, da haben wir wohl ein Problem aufgrund dieses Spielzeugs! Lass uns bei einer Tasse Tee besprechen, wie wir damit umgehen werden.“ Spooky, oder?

Was sind mögliche Gründe? Handelt es sich um Eifersucht?

Um Eifersucht kann es sich vor allem dann handeln, wenn Geschwister sich gegenseitig hauen. Eifersucht ist ja die Angst, jemandes Liebe an einen anderen zu verlieren. Und das ist auch die Grundangst und wohl grundsätzliche Motivation hinter jedem Geschwisterstreit. Haben Mama und Papa vielleicht doch das Geschwisterkind lieber?

Aber natürlich gibt es noch eine Reihe anderer Gründe:

Frust – es läuft nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe

Wut – entsteht oft aus Frust, Enttäuschung und Hilflosigkeit (letzteres kennen wir als Mamas doch auch gut, oder?)

Neid – das grausliche Gefühl, das ein anderer etwas hat, das man selbst gerne möchte

Nicht gestört werden wollen – wenn zum Beispiel ein Kind mitspielen will, obwohl man gerade ins Spiel mit dem besten Freund vertieft ist

Kontaktaufnahme – ich will mitspielen, weiß aber nicht, wie ich darum frage.

Kinder kommunizieren anders als Erwachsene….

Wie reagiert man als Mama „richtig“?

Die Reaktion von Erwachsenen hat immer einen wichtigen ersten Schritt, nämlich „STOPP, Gewalt ist nicht ok!“.

Dieser erste Schritt darf aber nicht alleine stehenbleiben. Der zweite heißt nämlich, die Situation analysieren und schauen, was dahintersteckt – siehe vorherige Frage. Denn hinter dem Hauen, etc. steckt immer ein Bedürfnis, das grundsätzlich richtig ist. Nur die Ausdrucksweise ist nicht sozial angemessen.

Im dritten Schritt kann ich eine alternative Lösung anbieten oder – noch besser – das Kind anleiten, sich selbst eine bessere Alternative zu überlegen.

Also zum Beispiel: „Kann es sein, dass du gerade lieber allein mit deinem Freund spielen möchtest?“ Wird das verneint, steckt was anderes dahinter – wird genickt kannst du weiterfragen: „Was könntest du dem Paul, der bei euch mitspielen will, sagen?“ Falls keine Antwort kommt, selbst eine Idee anbieten: „Vielleicht könnte Paul später bei etwas anderem mitspielen? Oder könnt ihr ihm jetzt eins von euren Spielzeugen borgen? …“

Wenn es im Kindergarten passiert und du als Mama nur von der Pädagogin davon erfährst, dann ist es sehr wichtig, dass du das vor allem als Information hörst und nicht als Appell jetzt in irgendeiner Art reagieren zu müssen. Das „System“ im Kindergarten ist ein ganz ein anderes als zu Hause und darauf hast du nur wenig Einfluss, weil du als Mama nicht dazugehörst. Natürlich kannst du mit deinem Kind darüber reden, aber die Situation selbst kannst du nicht wirklich beeinflussen, weil du ja nicht dabei bist.

Wir können ja auch umgekehrt nicht zur Pädagogin sagen: „Mein Kind mag zu Hause nie Zähne putzen, tun Sie etwas dagegen!“

Kann man dem vorbeugen? Wie?

Bedingt – hab aber nicht den Anspruch an dich als Mama, das Hauen unter den Kindern sofort und auf ewig vermeiden zu können.

Wie gesagt, es wäre nicht altersadäquat – aber natürlich wird es mit der Zeit besser werden, wenn du wie oben beschrieben reagierst. Es braucht Zeit und Übung, starke Gefühle wie Wut sozial angemessen auszudrücken.

Für Geschwisterkinder bewährt es sich, das gegenseitige Tögeln nicht gänzlich auszuschließen, sondern eher „Kampfregeln“ aufzustellen. Auch mal spielerisch zu rangeln, um die Kräfte zu messen, zum Beispiel als Kissenschlacht. Aber es muss klar sein, dass das nur geht, solange alle dran Spaß haben und wenn einer „Stopp, ich will nicht mehr sagt“ muss aufgehört werden.

Das lässt sich gut auch anhand von Bilderbüchern besprechen, da gibt es viel Auswahl was die Themen Gewalt und Konflikte angeht, passend für jede Altersstufe.

Und natürlich hilft auch viel Bewegung. Je mehr ich körperlich ausgepowert bin, umso gelassener kann ich mit Konflikten umgehen. Das ist bei Kindern nicht viel anders als bei Erwachsenen.

Liebe Vera, danke dir fürs Interview!

Wenn ihr mehr von Vera lesen wollt, dann besucht am besten ihren Blog ABENTEUER ERZIEHUNG und hier noch ein paar gezielteLinks, die zum Weiterlesen noch interessant sind:

Wie du gut mit kindlicher Wut umgehst und mit deiner eigenen.

Aggressive Kinder?

Streitregeln für Kinder

Welche Entwicklungsphasen durchlaufen Kinder?

  • Vorzimmer Planerin Doris

    Ein wirklich informatives Interview, und einfach so realitätsbezogen, es kommt sogar viel häufiger vor, daß man als
    Mutter nicht weiß, wie man sich in der jeweiligen Situation verhält, und man glaubt dauernd etwas falsch zu machen.
    Liebe Grüße, Doris

    27. April 2018 at 15:29