Tränen im Wochenbett: Eigentlich müsste ich glücklich sein…

Unterstützung für junge Familien

Da mein Bericht über das Wochenbett bei euch sehr gut angekommen ist und ich von so vielen tollen LeserInnen schönes Feedback bekommen habe, habe ich mir gedacht, euch noch mehr Information dazu zu geben. Vor allem was man machen kann, wenn man sich nicht glücklich fühlt. Ob kleinere Unterstützung im Alltag oder Hilfe bei eventuellen Wochenbettdepressionen. Es gibt Hilfe, man muss sie nur annehmen (können).

Familienbegleitung der Frühen Hilfe

Auf die Idee gebracht hat mich die liebe Katharina (Familienbegleiterin), die mich damals auch gleich kontaktiert hat. Ihr ist es ein großes Anliegen Familien nach der Geburt zu unterstützen, denn es gibt Möglichkeiten. Wir hatten ein sehr langes und emotionales Gespräch und daraus hat sich ein sehr ehrliches Interview ergeben.

Heute erzählt sie uns hier am Blog, was es für Angebote gibt, und warum es nicht schlimm ist, Hilfe anzunehmen.

Wenn es anders ist, als es sollte…

Manchmal ist nach der Geburt eines Kindes nicht alles so, wie man es sich erträumt hat. Die Gefühle fahren Achterbahn und nichts ist mehr im Lot. Statt glücklich zu sein und die Zeit mit dem Neugeborenen zu genießen fühlen sich viele junge Mütter erschöpft, allein gelassen, wütend und frustriert. Sie haben das Gefühl, ihr Baby nicht richtig lieben zu können und keine gute Mutter zu sein.

Familienbegleiterin Katharina Theißig im Interview über Unterstützungsangebote für junge Eltern im Rahmen der Frühen Hilfen.

Über Katharina Theißig

Katharina Theißig ist Dipl. Pädagogin. Sie leitet die Familienförderstelle im Landratsamt Berchtesgadener Land und ist Familienbegleiterin im Rahmen der Frühen Hilfen im Bundesland Salzburg. Gemeinsam mit anderen Fachkräften aus dem Netzwerk Frühe Hilfen ist sie darum bemüht, belasteten Frauen und ihren Familien möglichst schnell passgenaue Hilfen anbieten zu können und somit ihren Leidensweg zu verkürzen.

Anja: Was ist der Unterschied zwischen Baby-Blues und einer postpartalen Depression/ Wochenbettdepression?

Eine Wochenbettdepression sollte nicht mit dem BabyBlues verwechselt werden. Der Baby-Blues ist nämlich nur ein »kleines« Stimmungstief in der ersten Woche nach der Geburt. Während dieser Zeit fließen bei 25–50 Prozent aller frisch gebackenen Mütter viele Tränen. Sie fühlen sich gereizt, müde, erschöpft und unausgeglichen. Doch das geht rasch vorbei und ist nur ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich eine Mutter nach der Geburt körperlich umstellt und seelisch auf das Leben mit ihrem Kind einrichtet. Die Symptome des Baby-Blues gehen in aller Regel wieder von alleine vorbei und die gewohnte Kraft und Zuversicht kehrt zurück.

Bei der postpartalen Depression stabilisiert sich die Lage der Mutter nicht von alleine, sondern bleibt längere Zeit erhalten oder verschlimmert sich sogar noch. Mütter mit Wochenbettdepression empfinden länger als zwei Wochen tiefe Traurigkeit und innere Leere. Sie fühlen sich unter anderem freudlos, desinteressiert, antriebsarm und völlig überfordert. Hinzu kommen Gefühle der Wertlosigkeit sowie eine verminderte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Parallel dazu können sie auch psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel und Herzbeschwerden, aber auch Appetit- und Schlafstörungen entwickeln. Besonders belastend ist für eine betroffene Mutter, wenn sie an ihrer Liebe zum Kind zweifelt und sich als Versagerin fühlt. Solche bedrückenden Gefühle gehören oft zum Krankheitsbild und lösen massive Schuld- und Schamgefühle bis hin zu Suizidgedanken aus. Manche erkrankten Mütter leiden auch unter dem Gedanken, dem Baby etwas anzutun.

Wenn man bei sich selbst oder beim Partner solche oder ähnliche Verhaltensweisen beobachtet, ist es wichtig, diese Symptome ernst zu nehmen und sich fachkundig behandeln zu lassen. Wichtig ist zu wissen, dass eine postpartale Depression kein persönliches Versagen ist. Es ist kein Zeichen dafür, eine schlechte Mutter zu sein!

Anja: Was sind die Gründe für die Entstehung einer Wochenbettdepression?

Bei der Entstehung einer Wochenbettdepression spielen zahlreiche körperliche, psychische, soziale und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle.

Studien haben gezeigt, dass Frauen mit einer psychischen Vorerkrankung häufiger eine Wochenbettdepression erleiden. Ein erhöhtes Erkrankungsrisiko tragen auch Mütter, die im Alltag mit dem Kind isoliert sind und zu wenig unterstützt werden. Ebenso vergrößern andauernde partnerschaftliche Probleme das Risiko. Gleiches gilt für Frauen, die sich nach der Geburt nur noch auf ihr Mutterdasein reduziert fühlen oder alles stets perfekt machen wollen. Solche Empfindungen und überhöhten Ansprüche sind allerdings nicht zufällig. Denn überall prangt Müttern in der Öffentlichkeit das Bild der »perfekten glücklichen Mutter« entgegen und setzt sie gewaltig unter Druck. Selbst nahe stehende Menschen können durch ihre Erwartungen eine Mutter unabsichtlich in zwiespältige Gefühle stürzen und das Erkrankungsrisiko erhöhen.

Anja: Wie wirkt sich eine Wochenbettdepression auf die Mutter-Kind-Bindung aus?

Ist eine Mutter an einer Wochenbettdepression erkrankt, so hat sie es sehr schwer, Kontakt zum Kind aufzunehmen, eine Beziehung zum Kind zu entwickeln und angemessen auf seine Bedürfnisse einzugehen. Das macht die frisch gebackene Mutter nur noch trauriger und angespannter. Dabei wünscht sie sich oftmals eigentlich nichts sehnlicher als eine ungestörte Bindung zum Baby, die auch für die (langfristige) Entwicklung des Kindes wichtig ist. Deshalb sollten betroffene Mütter den Mut haben, sich fachliche Hilfe zu suchen. Eine Anlaufstelle können die Koordinationsstellen der Frühen Hilfen sein.

Anja: Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Frühe Hilfen“?

Frühe Hilfen meint alle Angebote vor Ort, die junge Familien sehr frühzeitig unterstützen und die gesunde Eltern-Kind-Bindung fördern. Wenn Mütter und Väter es wünschen, kommt zum Beispiel eine eigens dafür ausgebildete Familienbegleiterin regelmäßig zu ihnen, um gemeinsam mit ihnen zu ermitteln, welche Art von Unterstützung benötigt wird. Diese kann bei jeder Familie anders aussehen. Manchmal ist eine vom Jugendamt finanzierte Tagesmutter die entscheidende Entlastung, ein anderes Mal von der Krankenkasse bezahlter Urlaub für den Vater, in einem dritten Fall reichen Gespräche oder Unterstützung beim Papierkram. Damit der Familienalltag wieder ins Gleichgewicht kommt, ist es wichtig, dass richtig erkannt wird, welche Ursachen den Symptomen zugrunde liegen.

Anja: Welche konkreten Unterstützungsangebote bieten die Frühen Hilfen für Mütter, die sich erschöpft und belastet fühlen?

Mütter, denen es nach der Geburt ihres Kindes nicht gut geht, können sich jederzeit an das Netzwerk Frühe Hilfen wenden. Zum Netzwerk Frühe Hilfen gehören verschiedenste Fachkräfte, die sich zusammengeschlossen haben, um betroffenen Frauen und ihren Familien möglichst schnell passgenaue Hilfen anbieten zu können. Hierzu gehören: Psychiatrische Versorgung, Beratung und Therapie, Begleitung und Entlastung, Selbsthilfe sowie die Koordination verschiedener Hilfen.

In einem persönlichen Gespräch – auch gerne im Rahmen eines Hausbesuches – erhalten die Frauen und ihre Familien Informationen über Hilfs- und Entlastungsangebote. Zudem wird geklärt, welchen Unterstützungsbedarf die Mütter haben und die Familienbegleiterinnen begleiten die Mütter, wenn gewünscht, zu passenden Angeboten.

Ganz grundsätzlich kann man sagen, Familienbegleiterinnen beraten und stärken Mütter und Väter im Umgang mit dem Baby. Auch im Alltag können sie längere Zeit gut zur Seite stehen und zugleich praktische Hilfe leisten. Gemeinsam mit den betroffenen Frauen wird nach Wegen gesucht, wie sie sich selbst etwas Gutes tun können – z.B. wie ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und Bewegung und Entspannung im Familienalltag wieder möglich werden und welche Entlastungsmöglichkeiten ggf. organisiert werden können. Zudem werden auch Strategien für ein individuelles „Worst-Case-Szenario“ entwickelt, so dass die Frauen auch für schlimme Krisen gewappnet sind und die Kontrolle über das Geschehen behalten. Familienbegleiterinnen begleiten die Mütter auf Wunsch auch zu Ärzten, Therapeuten und Behörden, stellen die nötigen Anträge und vermitteln zwischen allen Beteiligten – solange und soweit die Klientientinnen dies möchten, denn die Mitarbeiterinnen der Frühen Hilfen haben Schweigepflicht.

Und auch die Partner darf man nicht außer Acht lassen. Ihnen fällt die Umstellung und die Übernahme der Verantwortung auch nicht immer leicht. Sie teilen sich in der Regel noch weniger mit, wenn sie sich belastet oder gar deprimiert fühlen. Auch für sie stehen die Angebote der Frühen Hilfen offen und können ihnen Orientierung oder Unterstützung geben.

Liebe Katharina, danke für das Interview! Solltet ihr das Gefühl haben, Hilfe zu brauchen, bitte zögert nicht. Ihr seid nicht alleine.

Kontaktdaten der Frühen Hilfen:

  • Elternberatung des Landes Salzburg, Tel. +43 662/8042-2887 (zuständig für Familien in Salzburg Stadt, Flachgau, Tennengau und Lungau)
  • Verein Pepp – Pro Eltern Pinzgau & Pongau, Tel. +43 6542/56531 (zuständig für Familien im Pinzgau und Pongau)

Nähere Informationen zu den Frühen Hilfen:

www.fruehehilfen.at